The Suburbs ist für mich eines der wichtigsten Alben überhaupt. Warum? Es lief bei mir in Dauerrotation in den Tagen, als meine Kinder auf die Welt kamen. Auf jeder Hinfahrt ins Krankenhaus, auf jeder Rückfahrt vom Krankenhaus. Flure, Aufzüge und die Kantine des Krankenhauses waren in diesen Tagen meine Suburbs. Das habe ich nicht vergessen. Arcade Fire sei Dank.

Euphorie der Tristesse

Bereits seit ihrem Debüt Funeral (2004) begeistern mich Arcade Fire. Acht Personen, nahezu jeder ein Multiinstrumentalist. Mit ihrer Herkunft aus Montreal verkörpern sie eine Multikulturalität, die in ihren Songs zum Tragen kommt. Wunderschöne Melodien aktivieren das Kopfkino. Mal zerbrechlich, mal harmoniesuchend, nie langweilig oder belanglos.

Mit The Suburbs erreichen Arcade Fire den Höhepunkt des Indie-Rock und gewinnen zu Recht für das Album 2011 den Grammy. In seinem Thema dreht sich die Platte ums Erwachsenwerden im Soziotop amerikanischer Vorstädte. Facettenreich, immer im Wechselspiel zwischen greifbarer Tristesse und mitreißender Euphorie.

Der Titelsong zu Beginn des Albums heißt den Hörer willkommen, umarmt und lädt auf die Reise durch die persönlichen Suburbs ein. Ready to start fragt nicht, ob du bereit bist, es schubst dich mitten ins Leben. Alle Songs laden ein zum Beobachten, Erfahren und Reflektieren. Für mich besitzt die Platte eine bis dahin unerfahrene Emotionalität. Ohne Gänsehaut konnte ich sie bis heute noch nicht hören.

Ich war nicht bereit

Damals schenkte ein mir wichtiger Mensch The Suburbs, ohne zu wissen, welche Bedeutung es erlangen sollte. Ich fieberte der Veröffentlichung des Albums entgegen, das Geschenk war eine aufmerksame Geste.

Die letzten Tage, in denen ich die Geburt meiner Kinder erwartete, schienen nie zu enden. Ich stellte mir typische Fragen: „Bist du bereit dafür?“, „Ist der Zeitpunkt richtig?“, „Kannst du das?“. Ich gebe heute zu, Angst vor der Situation gehabt zu haben. Unsicher gewesen zu sein. Ready to start? We used to wait!

Höre ich heute die Platte, steigen mir sofort die Eindrücke der unmittelbaren Tage vor und nach der Geburt in den Kopf. Erschöpft im Auto sitzend, der Geruch des Krankenhausflurs, die Enge des Aufzugs, die Geräusche der Apparate. Ready to start schubste mich direkt in der Vaterrolle. Ohne zu fragen. Sauerei!

Rauf aufs Pferd

Ein Jahr später sah ich Arcade Fire zum ersten Mal live. Es war ein unvergessliches Erlebnis, diesen talentierten Musikern bei ihrem Tun zuschauen zu dürfen. Abgestimmtes Bühnenbild, permanente Instrumentenwechsel unter den Bandmitgliedern und Ready to start als ersten Song. Ich habe dutzende Konzerte gesehen, etwas vergleichbares bis dahin noch nicht. Für mich ein hochemotionales Erlebnis.

Im Juli werde ich Arcade Fire wieder sehen und für meine Kinder schließt sich ein Kreis. Sie gehen dieses Jahr in die Schule. Ready to start? Schubsen erlaubt!

The Suburbs ist ein Pflichtbesitz für jeden Musikliebhaber. Mögen Arcade Fire ewig spielen und mein Leben bereichern.

 

P.S.: Ich habe mich in der unten eingebetteten Playlist bewusst für eine Liveversion von Ready to start entschieden. Das Video transportiert hervorragend die Energie, welche der Song live erzeugt.

 

Anspieltipps: Ready to start, The Suburbs, We used to wait, Month of May

Höre ich dann am liebsten: beim Durchblättern meines kognitiven Fotoalbums

 




 

Arcade Fire – The Suburbs

Genre:Rock
Stil:Post Rock, Indie Rock, Progressive Rock
Jahr:2010
Anzahl Titel:16
Laufzeit:64:07

Tracklist

The Suburbs5:14
Ready to Start4:15
Modern Man4:39
Rococo 3:56
Empty Room2:51
City with No Children3:11
Half Light I4:13
Half Light II (No Celebration)4:25
Suburban War4:45
Month of May3:50
Wasted Hours3:20
Deep Blue4:28
We Used to Wait5:01
Sprawl I (Flatland)2:54
Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)5:25
The Suburbs (Continued)1:27