Mit meiner Körpergröße von 1,93 Meter bevorzuge ich es nicht im Bus zu reisen. Ich weiß nie wie ich mich setzen oder legen soll. Es passt einfach nicht. Im Sommer 1994 fuhren wir mit einem solchen Reisebus in die Ferienfreizeit nach Südfrankreich. 15 Stunden Qual bei über 30° Celsius. Wie auf solchen Fahrten in der damaligen Zeit üblich, fragte irgendwann jemand, ob der Busfahrer so nett wäre, mitgebrachte CDs abzuspielen. Netterweise kam er der Bitte nach und alle Mitfahrer erörterten ihren CD-Bestand. Schnell schoß die aktuelle „Bravo Hits Vol. 6“ in die Höhe, wir anwesenden Teenager wägten innerlich den (schmerzhaften) Konsens ab. „Bravo Hits“ als vertonte „Haribo Color-Rado“. Da ist für jeden was dabei.

Bevor die CD beim Busfahrer angelangt war, hielt ein damals 13-jähriges, sehr zierliches Mädchen im hinteren Teil des Busses eine weitere CD in die Luft. Das schwarz-weiße Cover erkannten selbst kurzsichtige Mitfahrer in den vorderen Reihen sofort. Ab da gab es keine zwei Meinungen mehr. Rage Against The Machine bitteschön, aber LAUT!

Endlich sagt es mal einer

Misstände in der weiten Welt gab es Anfang der 1990-Jahre genau wie heute. Mit dem Unterschied, dass sich heute Informationen in Sekundenschnelle verbreiteten, wohingegen seinerzeit die selektive Berichterstatung von TV und Zeitung als einzige Quelle greifbar war. Ich würde mich jetzt nicht anmaßen, als 14-jähriger umfangreichen intellektuellen Zugang zu politischen Weltthemen gehabt zu haben. So wie es Rage Against The Machine präsentierten, waren diese Themen für meine Teenager-Generation begreifbar.

Zack de la Rochas Worte wirkten wie Peitschenhiebe über den ganzen Körper. Immer treibend, stets anklagend wie ein Kreuzverhör. Die Gitarre von Tom Morello im ständigen Wechsel zwischen Funk, Rock und Metal. Der Bass von Tim Commerford sowie das Schlagzeug von Brad Wilk platzieren sich direkt in Magen und Füßen. Das selbstbetitelte Debütalbum von Rage Against The Machine ist ein Meilenstein. Ein Jahrhundertalbum. Mir persönlich ist niemand bekannt, der dieses Album nicht mindestens gut findet. Der sich dazu nicht bewegen oder einfach die Fäuste recken möchte. Sei es gegen globale Ungerechtigkeiten oder einfach nur gegen den Typen, der einem gerade den Parkplatz klaut.

Instrumententüftler

Das Album gilt trotz seines bescheidenen Budgets als Referenzwerk in Produktionsqualität. Im Booklet betont die Band ausdrücklich, dass sie für die Aufnahme der Songs keinerlei technischen Instrumente berücksichtigten:

“No samples, keyboards or synthesizers used in the making of this record

Liner Notes zu Rage Against The Machine

Kaum zu glauben, dass all die Klänge von klassischen Instrumenten stammen. Killing In The Name lief und läuft heute noch auf jeder Schul- und Dorfparty. Oder gerade dort wo mindestens zwei Menschen eine Lautsprecherbox aufstellen. Bombtrack und Bullet In The Head durchsuchen das Gewissen des Hörers und Wake Up lies uns 1999 mit der Faust auf dem Auge im Abspann von Matrix zurück. „How long? Not long, cause what you reap is what you sow“. Großartig!

Das Cover zeigt ein 1963 von Malcolm Browne aufgenommenes Foto des buddhistischen Mönchs Thích Quảng Đức aus Vietnam, auf welchem er sich selbst verbrennt. Er protestierte damit gegen das Regime von Ngô Đình Diệm und dessen Unterdrückung des Buddhismus. Damit ist eigentlich bereits alles gesagt. Rage Against The Machine kamen, nahmen Rock und Hip-Hop, und bliesen uns alle von den Füßen. Egal ob man Pop, Schlager, Techno oder Klassik hörte.

„Wie, wer ist das?“

Vor ein paar Jahren sah ich mit einer jungen Begleitung ein Spiel auf einem Volleyballturnier. Als Killing In The Name aus dem Lautsprecher schoss, begann sie mitzuwippen. Ihr schien das Lied sichtlich zu gefallen. Plötzlich drehte sie sich zu mir und fragte „Das Lied ist cool….Was ist das?“. Völlig entgeistert von Ihrer Frage und dem damit implizierten Gedanken, die Band nicht zu kennen, schaute ich sie an. Ich hielt kurz inne und wurde mir bewusst, dass meine Gesprächspartnerin aus dem Jahr 1992 stammt. Da musste ich Lächeln und beantwortete die Frage ordnungsgemäß. Irgendwie lustig. Mittlerweile gibt es Menschen, die es wirklich nicht kennen.

Die Busfahrt 1994 verging glücklichweise erstaunlich schnell. Nach achtmaligen Hören des Albums nacheinander alle Teenies so: „FUCK YOU, I WON’T DO WHAT YOU TELL ME!“

Unnützes Kneipenwissen: Eine Graswurzelaktion via Facebook führte im Jahr 2009 dazu, das Killing in The Name Platz 1 der britischen Weihnachtscharts wurde. Die Initiatoren wollten verhindern, dass dies dem damaligen Gewinner von X-Factor gelingt.

P.S.: Die Offiziellen Videos zu Rage Against The Machine sind, auch aufgrund des Budgets, keine cineastische Glanzleistungen. Sie wirken, als hätte MTV persönlich Bildmaterial zusammengelötet oder die Band vor einem Interview in eine Lagerhalle gestellt. Aber dennoch sind sie sehr amüsante Zeitdokumente. Enjoy!

 

Anspieltipps: Killing In The Name, Bullet In The Head, Wake Up, Know Your Enemy

Höre ich dann am liebsten: wenn meine Kinder trödeln

 



 

Rage Against The Machine – Rage Against The Machine

Genre:Rock / Hip-Hop
Stil:Alternative Rock, Fusion
Jahr:1992
Anzahl Titel:10
Laufzeit:53:02

Tracklist

Bombtrack4:05
Killing In The Name5:14
Take The Power Back5:37
Settle for Nothing4:49
Bullet in the Head 5:09
Know Your Enemy4:57
Wake Up6:04
Fistful of Steel5:31
Township Rebellion5:25
Freedom6:06