Irgendwann im Jahr 1999 in der Trierer Innenstadt. Zwei junge Männer streifen ein buntes Plakat, befestigt an einem Laternenmast. Mach kurzem Studium ist klar, das Plakat kündigt eine Musikgruppe an, die bald die Stadt besucht. Als Ort der Veranstaltung ziert die Aula der hiesigen Berufsschule den unteren Teil der Werbefläche. Ungläubige Blicke der beiden Männer. Eine Schülerband? Der Name ist gänzlich unbekannt und ziert keine der ihnen bekannten regionalen Musikgruppen. Im Rausch der Entdeckung fällt ein heute bemerkenswerter und erinnerungswürdiger Satz. „Guck mal, die haben sich doch tatsächlich beim Namen verschrieben – Seeed mit drei E. Ist ja witzig…“. Das Konzert kostet acht Mark, da nehmen die beiden eine Band mit Schreibfehler doch gerne mit. Mal schauen was die so spielen.

Ihr guckt euch das gefälligst an!

Mir ist nicht bekannt, ob Seeed im Anschluss jemals wieder in einer Schulaula spielten. Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen. Das damalige Konzert war in seinem gesamten Rahmen beeindruckend. Elf Leute auf der Bühne brachten die anwesenden Zuschauer zum Explodieren. Tanzen, hüpfen, wackeln und jederzeit gute Laune. Die drei MCs machten eine Mordsstimmung. Es war prägend. Seit diesem Tag verfolge ich die Band aus Berlin und freue mich sehr über ihren Erfolg, den sie sich hart erspielten.

Bis zu dem Debütalbum von Seeed dauerte es weitere zwei Jahre. Rechtzeitig zum Sommer 2001 erschien „New Dubby Conquerors“ und brachte mit seiner Mischung aus Reggae, Dub und Dancehall die gute Laune in die Republik. Der Anteil an Reggae, ist im Gegensatz zu ihren späteren Alben, auf New Dubby Conquerors erstaunlich hoch. Eigentlich bin ich kein großer Reggae-Fan, nach ein paar Songs geht es mir meistens auf den Keks. Bei diesem Album ist es irgendwie anders. Seeed transportieren es charmant und auf der Bühne unglaublich kraftvoll. Auf dem „Bizarre Festival 2002“ schleppte ich meinen ganzen Festivalanhang in einen Flugzeughangar und zwang jeden einzelnen diese Band zu erleben. Keiner hat es bereut. Zu dem Zeitpunkt spielten Seeed bereits vor über 1.000 Zuschauern.

Gute Laune intravinös

New Dubby Conquerors enthält viele Songs, die ich heute höre, wenn ich eine Infusion an guter Laune brauche. „Dancehall Caballeros“ („Des isch voll der Wahnsinn, isch des Dub oder Rap?„) und „Riddim No. 1“ („Kacke, wärn‘ wa besser an der Bar gebliebn…„) sind absolute Stimmungsaufheller. Riddim No. 1 dazu mit einem grandiosen Video (bitte unten anschauen!), in dem ich furchtbar gerne mitspielen würde (fußballerisch sehe ich da keine Probleme…). Der größte Song ist „Dickes B„, eine Hommage an Seeeds Heimatstadt Berlin. Das Lied schaffte es ins Musikfernsehen und bescherte der Band überregionale Bekanntheit und verdienten Erfolg.

Neben den Popowacklern, die Seeed auch auf späteren Alben auszeichnen, gibt es viele ruhige Nummern, für die der neudeutsche Ausdruck „chillen“ erfunden wurde. „Psychaledic Kingdom“ oder „Tide Is High“ assimilieren den klassischen Reggae und transportieren ihn in deutsche Beine. Dabei schaffen es Seeed, multikulturell und nicht aufgesetzt oder respektlos zu wirken. Einen großen Anteil daran haben die drei Frontmänner Pierre Baigorry („Peter Fox“), Demba Nabé („Boundzound“) und Frank Dellé („Dellé“). Live extrem energetisch und harmonisch, macht es einfach Spaß ihnen zuzuschauen. Die Band spielt in den ersten Jahren auf allen Bühnen die sich finden lassen. Immer im Hinterkopf, dass eine elfköpfige Band schwer zu buchen und noch schwerer zu unterhalten ist.

Das Ziehen aller Hüte die ich habe

Aus dieser Zeit stammt eine bemerkenswerte Anekdote, die mir bis heute hängen geblieben ist. Noch vor Veröffentlichung ihres Debütalbums erhielten Seeed einen regionalen Musikpreis des Berliner Senats. Leider ist mir dessen genaue Bezeichnung heute nicht mehr geläufig. Bei der Preisübergabe fragte der Moderator die Band, was sie mit dem Preisgeld (1.000 Mark?) machen würde. Pierre Baigorry sagte sinngemäß und sichtlich nervös, dass es für die Gruppe viel Geld sei und das bei elf Mitgliedern immer neue Instrumente oder Equipment anfallen würden. Mit dem Geld könne sich die Band ein paar weitere Monate über Wasser halten. Das freue sie sehr.

Ich fand die Aussage damals so sympathisch und authentisch, dass ich Seeed den weiteren Erfolg von ganzem Herzen gönne. Sie machen Musik aus Leidenschaft und das seit fast 20 Jahren. Nahezu in Originalbesetzung. Nach ihrem letzten Album aus dem Jahr 2012 wird es bald wieder Zeit für was Neues. Drücken wir die Daumen!

 

Unnützes Kneipenwissen I: Der Albumtitel „New Dubby Conquerors“ leitet sich von einem Song Bob Marleys („Duppy Conqueror„) ab.

Unnützes Kneipenwissen II: Frank Dellé ist zwar in Berlin geboren, machte sein Abitur 1990 allerdings am Max-Planck-Gymnasium in Trier. „Fame“ für uns! Vielleicht war ihm die hiesige Berufsschulaula als „Hotspot“ neun Jahre später noch im Gedächtnis…

 

Anspieltipps: Dickes B, Riddim No. 1, Dancehall Caballeros

Höre ich dann am liebsten: in Rastas die ich nie hatte

 



 

Seeed – New Dubby Conquerors

Genre:Reggae
Stil:Dub, Dancehall, Rap
Jahr:2001
Anzahl Titel:12
Laufzeit:49:25

Tracklist

Dancehall Caballeros3:15
Riddim No. 13:53
Papa Noah4:03
Walk Upright3:32
Dickes B 4:45
Psychedelic Kingdom4:13
Sensimilla 6:06
We Seeed5:07
Tide Is High4:26
Top of the City4:11
Fire the Hidden4:19
New Dubby Conquerors (+ Hidden Track "Miss Understanding")8:21