Lieber Niko, beim sinnlosen herumzappen in die hinteren Ecken meiner TV-Senderliste ist mir aufgefallen, dass VIVA gänzlich einen schwarzen Bildschirm sendet. Eine leicht hochgezogene Augenbraue und eine kleine Recherche später ergibt: VIVA ist tot. Weg. Ausgeflimmert. Um nicht nur im Wortspiel zu bleiben stelle ich mir gedankenschnell die Fragen, „Erschreckt mich das?“ und „Wie war das eigentlich?“. Im Laufe meiner Jahre (zwischen 14 und nun fast 40) hat das Musikfernsehen deutlich an Relevanz eingebüßt. Zurecht. Erinnerst du dich noch, als MTV und VIVA die einzige Möglichkeit war, einen Musiktrend zu „fühlen“? Ja, zu „leben“? Große Aufregung, als 1993 die Satellitenschüssel Einzug in den eigenen Haushalt hielt und die ALLERERSTE Sendersuche MTV war? Angekommen in den Neunzigern. Das bohème Gefühl eines Teenagers. Verknüpft mit den wirklichen Hot Spots: London, New York, Los Angeles. Hach.

Und dann, kurze Zeit später, das deutsche Pendant. So authentisch provinziell, schnoddrig, unperfekt. Ein hyperaktiver Hip-Hop-Tänzer (Mola Adebisi), ein mützentragender Langhaariger (Nils Bokelberg) und ein süßes „Girl“ zum Verlieben (Heike Makatsch). So ging das los. Die guten Freunde vom Dachboden. „Die für uns“. Der Gegenentwurf zum polyglotten MTV. In Gummistiefeln. Das VIVA über die Jahre als „A-Jugendschmiede“ für deutsche Moderatoren fungierte, nicht abzusehen. Stefan Raab, Matthias Opdenhövel, Collien Fernandes. Nun ja, VIVA blieb VIVA, ich nicht. Der Geschmack mäandrierte. VIVA ZWEI war super und genau mein Ding. Charlotte Roach, Sarah Kuttner, Mirjam Weichselbraun. Reality-Formate fraßen die Musik. Das Internet das klassische Fernsehformat. Und heute? Nicht mehr als ein Zucken der Augenbraue für den letzten Zug am Ende des Siechtums. Auf einem klapprigen Holzkarren aufgebahrt. Das deutsche Musikfernsehen. Vom Dachboden zum Schließen des Deckels. Und du so?

VIVA … „Erschreckt mich das?“

Lieber Torsten, mir geht es da wohl wie dir, ich habe mich auch gefragt: „Erschreckt mich das?“ „Irgendwie nicht mehr“. Denn was kam da zuletzt auf VIVA noch? Doch eigentlich nur noch irgendwelche Charts-Clips, präsentiert von mir unbekannten VJs. Ansonsten Comedy Central. Mag sein, dass mir da als Mittdreißiger einfach der Anschluss fehlt und ich irgendwelchen vergangenen Tagen hinterher trauere. Der heutigen Jugend ist ja auf keinen Fall ein Vorwurf zu machen, denn wenn sie ein tolles Musikvideo sehen möchte, kann sie ja einfach YouTube oder dergleichen aufrufen. Früher war das einfach anders. Wie Du richtig meintest, das war die einzige Möglichkeit, einen Trend zu „fühlen“. Trotz des Bezuges zum Mainstream, den es immer schon gab, war das alles dennoch irgendwie spannend, als Gegenentwurf zu MTV mit Ray Cokes und so. Finde auch heute noch die Worte von Heike Makatsch anlässlich des Sendebeginns von VIVA so süß!

Schon super, wer da alles war und welche Sendungen geboten wurden: Berlin House (vorher: Housefrau) habe ich immer nachts angeschaut, mit diesen sauspannenden, oft selten zu sehenden Electro-Videos. Natürlich auch Raabs Show! Später auch noch die von dem von mir wie von dir so verehrten, „erwachsenen“ Ableger VIVA ZWEI übernommenen Sendungen wie Electronic Beats oder Fast Forward! Der Abstieg begann ja dann tatsächlich mit den Reality-Formaten ab Mitte der 2000er. Da sprach Matthias Opdenhövel im Radio anlässlich eines runden Sender-Geburtstages  (vermutlich der 15.) davon, dass es nicht mehr das VIVA sei, das er kenne. Das Ende wundert mich nun nicht mehr. Traurig ist es doch! Weißt du, welches Video ich erstmals darauf sehen konnte, nachdem der Sender endlich auch bei uns Zuhause damals geschaut werden konnte? Los Del Rios – Macarena.    


„Warum führen Sie eine Fernbeziehung?“

Niko und Torsten, brothers in crime, führen eine Fernbeziehung. „Old school“ meets „new shit“. Der eine malt auf seinem Blog sahneplatten.de musikalische Erinnerungen an die Wand, während der andere auf seinem Blog hicemusic unsere Gehörgänge stets mit neuem musikalischen Gebäck füttert. Getrennt in Zeit und Geografie, vereint in der unendlichen Liebe zur Musik. In Fernbeziehung schreiben sie sich zu Themen der Musik und Popkultur ihr „Bromance“ von der Seele.

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