„Und was willst du jetzt machen?“ „Keine Ahnung.“ „Also hast du dir noch keine Gedanken gemacht?“ „Ein bisschen.“ „Willst du studieren?“ „Du kennst meine Noten?“ „Also eine Ausbildung?“ „Weiß nicht was.“ „Bewirb dich doch mal.“ „Wo denn?“ „Du musst dich jetzt aber schon darum kümmern. Du hast ja jetzt viel Zeit!“ Mit 19 lebst du von exakt drei Gefühlen: Freiheit, Lust und Hass. Die Freiheit, die dir zu Füßen liegt, erfüllt den Raum um dich herum mit Konfusion ob der ganzen Möglichkeiten. Sie ist dein Antrieb und zugleich dein Ballast. Die permanente Lust, in Form von regelmäßiger oder gar keiner sexuellen Aktivität. Und der Hass. Auf alles, was dein Leben bremst oder verkompliziert. Nie wieder fühlst du so intensiv-kategorisch. 1998 scheint heute aus der Zeit gefallen. Wohin mit mir? Gehetzt in der Drehtür des Lebens. Voller Freiheit, Lust und Hass. Korn veröffentlichen Follow The Leader. Und vereinen die Essenz aller Gefühlte.

Der Druck muss raus

Als Korn sich 1993 in Bakersfield gründen, ist „Nu Metal“ nicht mehr als ein Schreibfehler. Die fünf Jungs, Jonathan Davis (Gesang), Head (Brian Welch, Gitarre), Munky (James Shaffner, Gitarre), Fieldy (Reginald Arvizu, Bass) und David Silveria (Drums) stammen alle aus der Stadt in Kalifornien und kennen sich vereinzelt aus anderen Bands. Sie vereint die Liebe und Bewunderung zu Bands aus Rap und Rock, wie Pantera, Cypress Hill oder Alice In Chains. Crossover befindet sich in Amerika auf dem Rückzug, so finden Korn ihre eigene Nische. Ihr selbstbetiteltes Debütalbum erscheint 1994 und gibt alleine mit seinem Albumcover die Richtung vor. Es ist dermaßen düster und negativ, dass selbst eingefleischte Szenekenner innehalten. Ein vertonter Kinderalbtraum. Davis erzählt in seinen Texten von dem Missbrauch, den er als Kind erlebte. Journalisten nennen es „New Wave of Metal“ und prägen damit die spätere Abwandlung „Nu Metal“.

Trotz ausbleibendem kommerziellen Erfolg, nehmen Korn eine Vorbildrolle für aufkommende Bands, wie Slipknot oder Limp Bizkit, ein.  Mit dem Nachfolgealbum Life Is Peachy erspielen sie sich eine größere Fanbase. Und zunehmende Relevanz. Korn geben vor allem der Jugend ein Ventil. 1997 wird in Michigan ein High School-Schüler vom Unterricht ausgeschlossen, weil er im Unterricht ein Shirt der Band trägt. Die stellvertretende Direktorin der Schule bezeichnet die Band als „vulgär, unanständig, obszön und beleidigend“. Korn nimmt den Ball auf und spendet hunderte Shirts, die Freiwillige daraufhin im Umkreis der Schule verteilen. Sie bedienen das nervöse, amerikanische Öffentlichkeitsbewusstsein der 1990er-Jahre. Und entfachen eine Maschinerie.

Unausweichlich

1998 stehen sie vor der Veröffentlichung ihres dritten Albums und erreichen den Zenit ihrer Kreativität und Relevanz. Aber auch des kommerziellem Ballasts. Die ausschweifenden Aufnahmen zum Album dokumentieren sie in einer wöchentlich ausgestrahlten Onlineshow KornTV. Inklusive Alkohol, Drogen und Frauen. Als Gäste auf dem Album stehen Ice Cube, Fred Durst und Cheech Marin bereit. Follow The Leader erscheint im August und geht sofort auf #1. MTV reitet endgültig die Welle des Nu Metals. Das Album avanciert zum Sprachrohr der jungen Generation und bringt sie unter stampfenden Bassriffs auf den Tanzflächen zusammen. Männer wie Frauen.

It’s On tritt zu Beginn die Tür ein und posiert lässig im zersplitterten Türrahmen. Freak On A Leash braucht nur kurz, um sich als alternative Hymne durch Clubs mit tropfenden Decken zu bahnen. „Something takes a part of me. You and I were meant to be.“. MTV nimmt es dankend auf und baut dem genresprengenden Video (aus der Perspektive einer Pistolenkugel) ein Denkmal. Got The Life beschließt die „Trilogie des Anfangs“ mit einem weiteren Ohrwurm. Bei aller Intensität und allem Grenzgängertum, behalten Korn eine beeindruckende Authentizität, die die Jugend anspricht und mitnimmt. Freiheit, Lust, Hass – auf Töne und Rhythmen heruntergedampft. Egal ob bei Dead Bodies Everywhere, Children Of The Korn oder All In The Family, es passt. Nickende Zustimmung. Gebt uns eine Sprache. Follow The Leader macht Korn groß und gibt ihnen eine identitätsstiftende Aufgabe, woran sie weniger Jahre später zerbrechen. Kreativ überholt von jungen Bands, die sie einst inspirierten.

Eine Hülle auf der Suche

Schnitt. Als Einer von 40.000 Menschen auf dem Bizarre Festival in Weeze. 2002. 80 Prozent der Anwesenden in schwarzen Shirts mit dem spiegelverkehrten R. Ein Einblick wie groß diese Band zu jenem Zeitpunkt war. Einer führte gar täglich seinen persönlichen, mit Klebeband geschmückten „Freak on a leash“ über den Zeltplatz Gassi. Und dann ein grauenhafter, divenhafter Nicht-Headliner-Auftritt jener Band, die von vielen so sehnsüchtig erwartet wurde. Lustloses Gepose hinter dem eigens von H.R. Giger entworfenen Mikrofonständer. Grauenhafter Sound. Allerortens Enttäuschung, gepaart mit der Nibelungentreue eines echten Fans. Korn nahmen ab diesem Zeitpunkt die Rolltreppe abwärts. Bis hin zur Relevanzlosigkeit. Heute lediglich eine Hülle von Freiheit, Lust und Hass. Bemitleidenswert wie eine blinde Katze auf der Suche nach ihrem Napf mit der Aufschrift „Nu Metal“.

Schnitt. Heute. Mit welcher Rolle fühle ich im eingangs skizzierten Dialog? Wem schenke ich mein Verständnis? Wie lange ist 1998 her? Die Gefühle, die heute meinen Alltag durchfluten sind deutlich komplexer. Das Leben weniger reduziert. Mein größter Einfluss bin ich selbst. Aber irgendwo auf dem „Dachboden des Inneren“ steht sie. Die alte Kiste mit der Aufschrift „1998“. Voller Fotos, leerer Gläser und verschwitzten Shirts. Wir waren da. Mit allem was raus musste. Wie das berühmte letzte Glas zu viel. „Sometimes I cannot take this place. Sometimes it’s my life I can’t taste. Sometimes I cannot feel my face. You’ll never see me fall from grace.“.


Unnützes Kneipenwissen I: Der Vorschlag sich „corn“ zu nennen, verwarf die Band schnell. Erst die Idee, das C durch ein K zu ersetzen, brachte den Namen wieder ins Spiel. Das umgedrehte R stammt daher, da einige Bandmitglieder in der Vergangenheit für die Spielzeug-Kette Toys „R“ Us arbeiteten.

Unnützes Kneipenwissen II: Korn wollten auf dem Album eine Schweigeminute für einen verstorbenen Fan einbinden. Sie entwickelten nach den 13 Songs jeweils zwölf fünfsekündige Tracks ohne Ton, die zusammen eine stille Minute ergeben. Aus Aberglaube verwarf Davis die Idee, da er die Musik nicht mit 13 Songs beenden wollte. In den heutigen Pressungen des Albums sind die zwölf stummen Tracks vorgestellt, so dass das Album erst mit Track 13 beginnt.

… viel zu Erzählen …

Unnützes Kneipenwissen III: Die comicartige Covergestaltung entwarfen Greg Capullo und Todd McFarlane.

Unnützes Kneipenwissen IV: Für Freak On A Leash gab’s für Korn einen Grammy.

Anspieltipps: Freak On A Leash, Got The Life, Dead Bodies Everywhere, It’s On!


Wenn euch die Sahneplatte gefällt, schaut doch in der Plattenkiste vorbei. Da gibt es noch weitere hervorragende Alben und spannende Geschichten.



Korn – Follow The Leader

Genre:Rock
Stil:Nu Metal
Jahr:1998
Anzahl Titel:13
Laufzeit:70:08

Tracklist

It's On!4:28
Freak on a Leash4:15
Got the Life3:45
Dead Bodies Everywhere4:44
Children of the Korn3:52
B.B.K.3:56
Pretty4:12
All in the Family4:42
Reclaim My Place4:32
Justin4:17
Seed5:54
Cameltosis4:38
My Gift to You (+ Hidden Track "Earache My Eye")15:40