Es gibt wenige Orte, die einen Menschen in seinem Heranwachsen derart prägen, dass noch Jahre später damit wunderbare Erinnerungen verbunden sind. Besonders, da ein gewisser Sinn für „naive Romantik“ im Laufe der Jahre abhanden zu kommen droht. Ich, als Suchtknochen populär-alternativer Musik, denke da an einen Ort, an dem es alles gab, was mein junges Herz begehrte: Konzerte, Partys und viel, viel Musik. Das Exhaus in Trier ist seit jeher ein Treffpunkt für alternative Veranstaltungen und Konzerte und ein essentieller Bestandteil der regionalen Jugendkultur. Egal ob tropfende Decken bei überfüllten Uni-Partys oder in einer „Crowd“ von sieben Mann beim Konzertversuch einer lokalen Band. Das Exhaus hat viele Menschen meiner Generation begleitet. In diesem Jahr meldete der Veranstaltungsort Insolvenz an. An der Baumasse nagt der Zahn der Zeit. Und während ich an einem gewöhnlichen Nachmittag durch die leeren Räume streife, bin ich Anfang 20 und summe leise Billy Talent.

Canada vs. America

Als die Band Pezz im Jahr 1999 ihr erstes Studioalbum aufnimmt, stehen sie seit sechs Jahren gemeinsam auf der Bühne. 1993 gewinnen die vier Schulfreunde Benjamin Kowalewicz (Gesang), Ian D’Sa (Gitarre), Jon Gallant (Bass) und Aaron Solowoniuk (Schlagzeug) einen Bandwettbewerb an ihrer High-School in Mississauga, Ontario. Mit dem Erfolg im Rücken beschließen die vier Kanadier, es weiter zu versuchen und schreiben erste Ska- und Pop Punk-Songs. Ihre lokale Bekanntheit wächst. Langsam, aber organisch. Mit dem Geld was sie bei kleinen Konzerten verdienen, nehmen sie Demotapes auf. Nebenbei gehen die Vier geregelten Jobs nach oder machen ihre Collegeabschlüsse. Nach sechs gemeinsamen Jahren ist der Sparstrumpf an dem Punkt, an dem sich die Band die Aufnahme eines kompletten Studioalbums leisten kann. Watoosh! beschert Pezz eine kleine Fangemeinde im Großraum Toronto, liefert allerdings keine signifikanten Verkaufszahlen.

Kurz auf dem Radar aufgetaucht, erscheint nach der Veröffentlichung ihres Debütalbums eine amerikanische Band namens Pezz und belegt, dass diese den Namen bereits seit 1989 führen. Pech für die Kanadier, die an dieser Stelle dem Urheberrecht Tribut zollen und sich einen neuen Namen suchen. Inspiration finden sie in der Novelle Hard Core Logo von Michael Turner, in der ein Gitarrist namens „Billy Talent“ auftaucht. Mit neuem Namen nutzt die Band den Moment, etwas an ihrem Sound zu verändern. Ihre Songs erhalten mehr Härte. Darüber hinaus beginnen Kowalewicz und D’Sa, Songpassagen in gemeinsamen Harmonien zu singen. Was den Songs von Billy Talent einen hohen Wiedererkennungswert verleiht. Apropos Kowalewicz: Der Sänger arbeitet in den Anfangstagen von Billy Talent nebenbei beim kanadischen Radiosender 102.1 the edge. Hier lernt er eines Tages Jen Hirst kennen, die nach ihrem Job beim Radio zum Majorlabel Warner Music Canada wechselt. Für die Band eine schicksalhafte Begegnung.

Derwisch

Jen Hirst ist es, die Billy Talent 2002 zum ersten Plattenvertrag verhilft. Und den Grundstein für die Aufnahmen ihres ersten Studioalbums unter neuem Namen legt. Simpel betitelt nach dem eigenen Bandnamen erscheint Billy Talent im September 2003. In kürzester Zeit erzielt das Album in Kanada überraschend hohe Verkaufszahlen und zieht die Jungs aus Ontario ins Rampenlicht. Platz #6 in den kanadischen Albumcharts, drei Platinauszeichnungen und den kanadischen Musikpreis „Juno“ für das „Beste Rock Album“ 2004. Während Billy Talent in Kanada den schnellen Erfolg feiern, bleibt die Band in den USA und Europa weiterhin ein Geheimtipp. Lediglich die erste Singleauskopplung Try Honesty findet Verwendung in den hiesigen Playlists von Rock- und Alternative-Clubs. Erst mit dem Nachfolgealbum Billy Talent II stellt sich ein weltweiter Erfolg für die Vier ein.

Wie für viele, war für mich Try Honesty DER Einstieg in die Welt von Billy Talent. Gespielt auf unzähligen Uni-Partys, schrieb ich eine Zeit lang den Song fälschlicherweise At The Drive-In zu. Weil mich der Song in seiner Struktur an One Armed Scissor erinnert. Trotz meines Fauxpas haben Billy Talent es geschafft, ihrer Musik einen besonderen Wiederkennungswert zu verpassen. Dazu zählt insbesondere der energetische, oft ins Schreien überkippende, Gesang von Kowalewicz, der mit drahtiger Statur über die Bühne wie ein Derwisch wirbelt.

Es gibt wenige Bands, welche die Kraft ihrer Songs so mit ihrer (Bühnen-)Präsenz zu unterstreichen vermögen wie Billy Talent. Das neben der Härte ein großer Raum für Melodien und Ohrwürmer bleibt, zeigt der Umstand, dass die Band einen großen Anteil an weiblichen Fans hat. Was ich auf bisher drei besuchten Konzerten beobachten konnte. Das Debütalbum (im zweiten Anlauf) ist roh, beinhaltet aber großes Potential. Bereits der Opener This Is How It Goes fährt durch Mark und Bein. Generell eine hervorragende Platte fürs Laufband, Kickboxtraining oder Dampf ablassen.

Tropfen an der Decke

Bei jeder Party habe ich Try Honesty abgefeiert. Durchaus mit zahlreichen Damen auf der Tanzfläche. Für mich sind Billy Talent ein essentieller Bestandteil der spannenden, aber oft zu Unrecht vernachlässigten kanadischen Musikszene. Am Ende der Sahneplatten sind mit Sicherheit nicht wenige Werke kanadischer Künstler erwähnt. Diese Solidarität erfährt in diesen Tagen auch das Exhaus in Trier. Gegen die Insolvenz und Schließung der Jugendeinrichtung kämpfen derzeit viele Helfer und Weggefährten. Mit Hilfe von Spendenaktionen und T-Shirt-Verkäufen. Es ist den Menschen, die sich dafür einsetzen und darauf aufmerksam machen, nicht hoch genug anzurechnen, dass Projekte für Kinder- und Jugendarbeit nicht aus der Mitte der Gesellschaft verschwinden. Denke ich an meine eigenen Erfahrungen mit dieser wunderbaren Einrichtung, überkommt mich Gänsehaut. Und nachts um Drei tropft es wieder von der Decke. Auf hochgereckt Fäuste. Try Honesty!

Unnützes Kneipenwissen I: Im Song This Is How It Goes verarbeitet Schlagzeuger Adam Solowoniuk seinen Kampf gegen die MS-Krankheit. Seit 1999 sieht er sich der Erkrankung konfrontiert und ist gezwungen, regelmäßiges Spritzen in den Bandalltag zu integrieren. Er gilt weiterhin als festes Mitglied von Billy Talent, pausiert jedoch seit 2016 und hat auch nicht an den Aufnahmen zu ihrem fünften Studioalbum Afraid Of Heights mitgewirkt. Wir wünschen das Beste.

Unnützes Kneipenwissen II: Die Familien von Solowoniuk und Kowalewicz haben polnische Wurzeln. Der Vater von Solowoniuk ist in der heutigen Ukraine geboren.

 

Anspieltipps: Try Honesty, This Is How It Goes, Line & Sinker, The Ex

 


Wenn euch die Sahneplatte gefällt, schaut doch in der Plattenkiste vorbei. Da gibt es noch weitere hervorragende Alben und spannende Geschichten.



 

Billy Talent – Billy Talent

Genre:Rock
Stil:Alternative Rock, Punk Rock, Post-Hardcore
Jahr:2003
Anzahl Titel:12
Laufzeit:41:04

Tracklist

This Is How It Goes3:27
Living in the Shadows3:15
Try Honesty4:13
Line & Sinker3:37
Lies2:58
The Ex2:40
River Below2:59
Standing in the Rain3:20
Cut the Curtains3:50
Prisoners of Today3:53
Nothing to Lose3:38
Voices of Violence3:10