Zeitlos zu sein, ist im Musikgeschäft ein dickes Pfund. Etwas zu schaffen, dass Jahre überdauert und Menschen verschiedenen Alters im Konsens vereint. Dazu ein kreativer Output, dem es an Quantität und Qualität nicht mangelt. Du weckst nachts um vier eine Person, die ohne Probleme zehn Songs mitsingen, mindestens mitsummen kann. Ist das die Definition von „geschafft haben“? The Police ist mir in meiner bescheidenen Existenz seit Kindertagen immer wieder begegnet. Im Radio, auf Mixtapes, auf Partys. Ich weiß nicht, wie oft wir „So Lonely“ mittanzten und mitschrien („I FEEL LO … „), „Roxanne“ interpretierten, „Can’t Stand Losing You“ mitwippten. Höchste Zeit, einen Tribut auszusprechen.

London Calling

Im November 1976 trafen sich Drummer Stewart Copeland und Bassist/Sänger Gordon Sumner das erste Mal im nordenglischen Newcastle. Copeland spielte zu dieser Zeit in einer Progrock-, Sumner in einer Jazz-Rock-Band. Letztgenannter trug bei Auftritten einen quergestreiften gelb-schwarzen Pulli. Seine Bandkollegen waren von dem modischen Zustand so „angetan“, dass sie den schlaksigen Bassisten alsbald „Sting“ tauften. Ab diesem Zeitpunkt war sein Geburtsname Geschichte.

„I was never called Gordon. You could shout ‚Gordon‘ in the street and I would just move out of your way.“ Sting, Time Magazine, 2011

Copeland und Sting waren große Anhänger der Energie der aufkeimenden Londoner Punkszene und verabredeten sich Anfang 1977 zu gemeinsamen Jamsessions. Sting zog nach London und beide schnappten sich einen Gitarristen, Henry Padovani, um Punksongs zu spielen. Padovanis Fähigkeiten waren nicht besonders ausgeprägt, was Sting, der aus dem Jazz kommt, schnell ermüdete. Die ersten Aufnahmen von The Police zündeten nicht, geschuldet ihrer Banalität. Mitte 1977 traf die Gruppe bei Aufnahmen auf den fast ein Jahrzehnt älteren Andy Summers, von dem sich Sting schnell begeistert zeigte. Sein Songwriting harmonierte mit Summers‘ Spielvarianz. So fragte er ihn, ob er nicht der Gruppe beitreten mochte. Summers sagte zu, unter der Bedingung, dass die Band eine Dreierformation bleibt. Er forderte die Demission von Padovani, was Sting und Copeland aus Gründen der Loyalität ablehnten. Erst im August 1977, als die Qualität der Band sich nicht entscheidend verbesserte, vollzogen Sting/Copeland den Tausch von Padovani zu Summers.

Wrigleys Fresh Mint

Es folgten die ersten Auftritte von The Police in neuer Formation. Geld verdienten sie dabei kaum, so dass sie einzeln gezwungen waren, nebenbei in Artrock-Produktionen oder ähnlichem mitzuwirken. Immerhin bezahlte „Weiterbildung“. Anfang 1978, auf der Suche nach Einkommen, belam die Band von der Firma Wrigleys ein Angebot, in einem Werbespot für Kaugummis mitzuspielen. Die Szenerie des Spots sah vor, dass sich die drei Darsteller die Haare wasserstoffblond färbten. Gesagt, getan. Das Blöde nur, dass Wrigleys den Spot im Anschluss des Drehs verwarf und nie ausstrahlte. Die wasserstoffblonden Haare blieben – als Markenzeichen (s. Cover).

Stewart Copeland hatte einen älteren Bruder, Miles Copeland III, der sich bereit erklärte, Der Band in Sachen Management unter die Arme zu greifen. Skeptisch beäugte er die musikalische Entwicklung der Band unter dem Einwirken von Andy Summers. Mit dem Einsatz von Reggae-Elementen fürchtete er um die Kredibilität der Punkambitionen. Schließlich waren The Police nicht The Clash. Dennoch lieh er seinem kleinen Bruder 1.500 Pfund, um erste Songs aufzunehmen. Die Band ergatterte einen kleinen Platz in den Surrey Sound Studios. Allerdings durften sie nur rein, wenn andere Bands kurzfristig Termine stornierten. So dauerten die Aufnahmen der ersten Songs ganze sechs Monate, ein Plattenvertrag hatten The Police noch nicht.

„Banned by the BBC“

Miles Copeland war von den ersten Aufnahmen nicht sonderlich begeistert. Ein Song schaffte es allerdings sofort in seine Gunst. Roxanne. Ein Song über eine Prostituierte. Mit dem Song im Gepäck schaffte er es, einen Vertrag mit einem kleinen Label, A&M Records, einzufädeln. Diese schmissen den Song umgehend als Single auf den Markt, während die restlichen Aufnahmen noch nicht abgeschlossen waren. Roxanne floppte und schaffte es nicht in die britischen Verkaufscharts. Ebenso boykottierte die BBC den Titel, dank dem Thema „Prostitution“. Die findige Plattenfirma nutzte dies und promotete die Single ab sofort mit Plakaten und der Aufschrift „Banned by the BBC„. Dabei unterlag der Song nie einer Indizierung, er wurde einfach nur nicht gespielt.

„We got a lot of mileage out of it being supposedly banned by the BBC. […] In fact, all that really happened was that we didn’t make their playlist, so we turned that into ‚Banned by the BBC.'“ Stewart Copeland, 2001

Was Roxanne nicht schaffte, gelang der Folgesingle Can’t Stand Losing You. Sie wurde indiziert, allerdings aufgrund des Covers (s. Unnützes Kneipenwissen III). Gespielt werden durfte sie dennoch und erreichte als erstes Lied der Band die britischen Charts. Die dritte Single So Lonely floppte wieder und tauchte in keiner Bestenliste auf. In den USA lief es besser. Hier erreichte die Band, dank einigen Live-Auftritten, respektable Chart-Platzierungen. In dessen Fahrwassern, mit einem Jahr Verspätung, stellte sich der Erfolg in England ein. Das Debüt Outlandos d’Amour erreichte in England Platz #6, in den USA Platz #23.

„What can I doohoo?“

Ehrlich gesagt, ist für mich das Gesamtwerk von The Police bemerkenswert. Zwischen 1978 und 1983 veröffentlichen sie fünf Alben und verkaufen über 75 Millionen Platten. Sting startete eine bis heute währende Weltkarriere. Stewart Copeland und Andy Summers können bis heute vom damaligen Erfolg sehr gut leben. Im Vorfeld dieses Beitrags stellte ich mir die Frage, welches Album von The Police ist eine Sahneplatte? Es ist schwer und ungerecht, ein bestimmtes Werk herauszuheben. Die Entwicklung vom energetischen Post-Punk der späten 70er zum atmosphärischen New Wave der frühen 80er haben sie bravourös gemeistert.

Letztendlich habe ich mich für Outlandos d’Amour entschieden. Warum? Mit 1.500 Pfund ein Album aufzunehmen ist aus heutiger Sicht schierer Wahnsinn. Die Rendite muss enorm sein. Auf der anderen Seite klingen The Police auf ihrem Debüt herrlich unperfekt. Die Platte kratzt und ist hibbelig. Die Produktion ist nicht immer astrein aber die Musik verbreitet unglaublich gute Laune und eine „Jetzt geht’s los“-Stimmung. Davon kann es nie genug geben.

Unnützes Kneipenwissen I: Das Intro von Roxanne enthält einen kleinen Studiounfall. Sting platzierte sich, während bereits die Aufnahme zum Song lief, elegant auf ein aufgebautes Piano. Er bemerkte dabei nicht, dass die Klappe der Klaviatur offenstand und setzte sich kurzzeitig auf die entblößten Tasten. Das erzeugte Geräusch, sowie das anschließende Gelächter sind deutlich zu hören. Dies aus der Aufnahme rauszuschneiden, war The Police zu kostenintensiv. Außerdem fanden sie es irre witzig.

Unnützes Kneipenwissen II: Sting entschied sich für den Namen „Roxanne“ aufgrund seiner historischen Bedeutung. Roxanne war der Name der Ehefrau Alexanders des Großen und der Name der Freundin von Cyrano de Bergerac.

… und? …

Unnützes Kneipenwissen III: The Police sind bekannt für missverstandene Songtexte („Every Breath You Take„). Can’t Stand Losing You handelt von einem Teenager der Selbstmord begeht, als ihn seine Freundin verlässt. Musikalisch vermittelt der Song alles andere als Morbidität. Das Cover der Single, welches die Selbstmordszenerie skizziert, wurde indiziert.

 

Anspieltipps: Next To You, Roxanne, So Lonely, Can’t Stand Losing You

Höre ich dann am liebsten: SOOOO LONNELLYYY

 



 

The Police – Outlandos d’Amour

Genre:Rock
Stil:New Wave, Post-Punk, Reggae Rock
Jahr:1978
Anzahl Titel:10
Laufzeit:38:14

Tracklist

Next to You2:50
So Lonely4:50
Roxanne3:10
Hole in My Life4:50
Peanuts 4:00
Can’t Stand Losing You3:00
Truth Hits Everybody2:55
Born in the 50s3:40
Be My Girl - Sally3:20
Masoko Tanga5:40