Ein Gastbeitrag von Cathy Pliez (@mlle-facettenreich)

Es ist 2003, es ist Sommer und aus dem Zimmer einer damals 15-Jährigen schallen immer und immer die gleichen Lieder. Laut. Und es wird ebenso laut mitgesungen. Wenn sich das mittlerweile doppelt-so-alte-Mädchen richtig erinnert, eine ihrer ersten CDs, die ein Album war und kein Sampler. Eins der ersten Alben, welches sich im Original gegönnt und nicht gebrannt wurde. Wie man das früher so machte (Die Mixtapes der Neuzeit). Das erste Mal wissen, wie es sich anfühlt, Fan einer Band zu sein. Deren Musik so gut zu finden, dass man sich sogar wünscht, auf ein Konzert der Band zu gehen. Und tatsächlich bei dieser Band zum allerersten Mal überhaupt auf ein Konzert ging. (Bis heute weiß ich, dass es mit Ist das so? eröffnet und dass eine wunderbare Coverversion von The Cures The Love Cats gesungen wurde)

Eine Band, deren Musik noch 6 Jahre später dafür gesorgt hat, dass sich zwei eingeschweißte Fans während des Unterrichts gebannt darüber unterhalten. Und die beiden einige Monate später todunglücklich sind, weil von der Band kein neues Album mehr kommen wird. Die Rede ist von Wir sind Helden.

Rebellion gegen Oma

Das besondere an der Musik?
Es war deutsche Musik die endlich gut war. Die fröhlich machte. Mit tollen Texten. (Dazu später mehr)
Bis dato kannte meiner einer, unter deutscher Musik, nur Schlager (igitt), zwei Lieder von Herbert Grönemeyer, eins von … dem Kerl, der Sexy singt (Marius Müller-Westernhagen – für Sie recherchiert!) und Männer sind Schweine von Die Ärzte – die ich zum Glück kurz darauf auch noch für mich entdeckt habe, aber das ist ein anderer Artikel …

Und sagen wir mal wie es ist, das war halt die Musik die Mama und Oma und Tanten gehört haben, die auf Schützenfesten lief und wir alle wissen, mit 15 ist gar nichts cool, was Mama und Oma und Tanten und das Schützenfestvolk hört. Umso toller, als deutsche Musik aus dem Radio tönte, die Mama zwar immer noch ganz nett fand, aber mit der vor allem Oma schon nichts mehr anfangen konnte. Also irgendwie Rebellion gegen die Erwachsenen (und darum geht’s in der Pubertät doch) und mit dem Debütsong dann auch noch gegen vieles andere:

“Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück
Guten Tag, ich gebe zu ich war am Anfang entzückt
Aber euer Leben zwickt und drückt nur dann nicht
Wenn man sich bückt
Guten Tag”
(Quelle: Wir sind Helden: Guten Tag)

High-End Wortakrobatik

Womit wir, wie versprochen, bei den Texten wären. Denn besonders die waren es, die mich bei der Band hielten. Die waren nicht so ein “Echt-Juli-Tokio-Hotel-Silbermond-Unsinn”, der sonst im Radio dudelte, sondern die waren klug und tiefsinnig. Und allein damit sortierten sich schon all die Menschen aus, mit denen ich ohnehin nichts zu tun haben wollte.
Wer nie was von Wir sind Helden gehört hatte oder die Musik „nicht verstand“, den konnte ich gleich richtig zuordnen und mir wertvolle Zeit sparen. Tiefsinnige Diskussionen brauchte ich mit diesen Menschen gar nicht erst anfangen, weil sie noch nicht bereit dafür waren. Und manche von ihnen es auch niemals sein würden.

“Bisschen Suhlen, bisschen Buhlen, bisschen Wedeln mit den Ohren
Kurz geblinzelt, huch! Den Anschluss schon verloren
Ein bisschen Flennen, bisschen Rennen und dann Rumms von hinten rein
Die verpassten Rüssel tasten fassen Quasten rasten ein – fein

Und du gehst Rüssel an Schwanz hinterher
Trampelpfade Hintermann, was brauchst du mehr
Trampelst fade immer anderen hinterher”
(Quelle: Wir sind Helden – Rüssel an Schwanz)

Ich meine, wir sprechen hier von Texten, die vor grandioser Wortakrobatik nur so strotzen! Mich begeistert das und wer sowas mag, den werden auch Wir sind Helden begeistern.

“Wer hat das abgestimmt? Wer hat das vorgeschlagen?
Ich glaub es stimmt, bestimmt, aber ich wollte doch mal fragen:
Sag mal, ist das so, ich meine muss das so?
Ist das so, ich meine muss das so?
Ist das so, ich meine muss das so?
Ist das so, oder ist es vielleicht viel leichter?”
(Quelle: Wir sind Helden – Ist das so?)

Perfekt unperfekt

Und ich kann nicht über Wir sind Helden sprechen oder schreiben, ohne die wundertolle Stimme von Judith Holofernes zu erwähnen. So perfekt unperfekt, so uneben, dass sie bei jedem Dieter-Bohlen-Casting rausfliegen würde. Was absolut als Prädikat “Wertvoll” gilt. Denn ihre Stimme sticht heraus aus der Masse der glattgebügelten Popsong-Sängerinnen, die live so viel anders klingen, als auf Platte, da alles popsongtauglich aufgearbeitet wurde.

Unnützes Kneipenwissen I: Zu Anfang ihrer Karriere malten Wir sind Helden ihre Band-Shirts selbst und machten Werbung für die erste Tour in dem sie Textzeilen auf Klotüren schrieben.

Unnützes Kneipenwissen II: Und hier schließt sich der Kreis zu meiner Liebe zu Büchern und Worten: Judith Holofernes macht ohne Wir sind Helden nicht nur weiterhin solo Musik (auch sehr zu empfehlen), sondern hat auch ein Buch mit Tiergedichten veröffentlicht.

 

Anspieltipps: Ist das so?, Rüssel an Schwanz, Die Zeit heilt alle Wunder, Monster, Ausser Dir

 

 


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Traut euch!



 

Wir Sind Helden – Die Reklamation

Genre:Pop
Stil:Pop-Rock
Jahr:2003
Anzahl Titel:12
Laufzeit:47:15

Tracklist

Ist das so?3:04
Rüssel an Schwanz4:54
Guten Tag3:35
Denkmal3:18
Du erkennst mich nicht wieder4:56
Die Zeit heilt alle Wunder4:09
Monster3:48
Heldenzeit4:24
Aurélie3:33
Müssen nur wollen3:35
Außer dir3:41
Die Nacht4:18